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  Einsatz für ein Leben ohne Grenzen

Ohne Barrieren, mit allen Sinnen
Die Kirchengemeinde St. Markus setzt sich für Inklusion ein


Hermann Schultz besucht den Gottesdienst nicht gern. Er würde schon gern hören, was der Pastor seiner Gemeinde ihm zu sagen hat. Aber er versteht den Pastor nicht. Eine Hörminderung macht ihm zu schaffen, die Stimme des Pastors klingt für ihn wie durch einen Wattebausch gefiltert. Außerdem sind bei der Predigt viele Sätze so lang, dass er am Ende des Gedankens den Anfang vergessen hat. Auch seine Nachbarin hat ein mulmiges Gefühl, wenn sie sich zum Gemeindefest aufmacht. Sie möchte zwar gern den Kinderchor erleben, in dem ihre Enkeltochter singt. Aber schon Tage vorher macht sie sich Sorgen, wie sie mit ihrem Gehwagen die Stufen des Gemeindehauses bewältigen soll. Und was, wenn sie die Toilette aufsuchen muss?

‘Menschen, die ‚anders’ sind, leiden oft an Ausgrenzung und müssen darum kämpfen, teilhaben zu können an allen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens’, hat Inge Ostertag, Sonderpädagogin im Projekt ‘Rückenwind’ der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Markus, festgestellt. Seit zwei Jahren versucht Sie mit einem Team Ehrenamtlicher, die Belange von Menschen mit Behinderungen stärker in den Fokus zu nehmen. ‘Inklusion’ ist das Motto Ihrer Arbeit: ‘Das bedeutet für uns, dass in unserem Gemeindeleben alle, und ich meine wirklich alle Menschen eingeschlossen werden’, betont sie. Ziel sei es, ‘vorhandene Barrieren - ob äußerlicher Art oder die ‘Barrieren in unseren Köpfen’ - abzubauen.’

Dazu gehören für Sie neben so offensichtlichen Erleichterungen wie rollstuhlgerechte Zuwege oder Hilfen für schwerhörige Menschen besonders auch Angebote in leichter Sprache. ‘Menschen mit einer Lernbehinderung haben andere Barrieren vor sich als beispielsweise Rollstuhlfahrer’, hat sie beobachtet, ‘für sie ist wichtig, dass es auch immer wieder Angebote mit sehr kurzen leichten Sätzen gibt oder Texte ergänzt werden durch Bilder, durch Modelle zum Anfassen, durch Musik.’ In Ihrer Gemeinde beispielsweise erfreut sich die ‘Bibel für Menschen, die anders lesen’ großer Beliebtheit. Der Bibelvers ‘Der Herr ist mein Hirte’ ist dort mit Schafen zum Fühlen, Öl zum Riechen und farbigen Bildern mit allen Sinnen erfahrbar.

Doch auch bei der Kirche gäbe es noch Verbesserungsmöglichkeiten. ‘Etwa 15 Prozent der kirchlichen Mitglieder leben mit einer Einschränkung’, sagt sie. ‘Wir wollen versuchen, unser Gemeindeleben dahingehend zu öffnen, dass alle teilhaben können.’ Daher hat sie mit einem Team engagierter Menschen einen Fragenbogen erarbeitet und an alle Gemeinden des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg geschickt, in dem sie die verschiedenen Hilfsangebote abfragt. ‘Etwa die Hälfte der Gemeinden hat uns geantwortet’, freut sie sich. Mit den Ergebnissen können nun gezielt Verbesserungen vor Ort in Angriff genommen werden, denn häufig hapert es nur an Kleinigkeiten, die schnell zu beheben sind.

‘Oft wissen Menschen mit Behinderungen einfach nicht, dass beispielsweise eine Rampe auf Anfrage geholt werden kann oder der Text der Predigt gern noch einmal in großer Schrift ausgedruckt wird. Und oft mögen sie auch nicht nach Unterstützung fragen’’, so Inge Ostertag. Die Fragen sind sortiert nach den besonderen Hilfsangeboten, die es für verschiedene Handycaps gibt und sollen als Anlass genommen werden, einmal genau hinzuschauen, an welchen Stellen wir vielleicht ungewollt Menschen ausschließen.

Die ersten Auswertungen liegen nun vor, das Ergebnis ist wie erwartet durchwachsen. Keine einzige Gemeinde ist, wenn man es streng nach DIN-Norm bewertet, komplett behindertengerecht, selbst St. Markus nicht. ‘Aber’, ist sich Inge Ostertag sicher, ‘der Erfolg kommt in kleinen Schritten.’ Angeregt durch den Fragebogen haben einige Gemeinden kleine Verbesserungen eingeführt: Hier eine bessere Beleuchtung geschaffen, dort ein Hinweisschild zur behindertengerechten Toilette erneuert. ‘Wir bleiben dran’, sagt das Rückenwind-Team von St. Markus. Weitere Informationen gibt es unter 0451/29 31 407.

Text und Foto: Katja Launer

Auf dem Foto ist das Rückenwind-Team der Gemeinde St. Markus zu sehen: Pastorin Elisabeth Farenholtz, Rod Stephens, Rouven Dalmer, Inge Ostertag und Christel Eisenkrämer.

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