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Kirche und Kino in Lübeck und darüber hinaus: Der Kirchenpreis bei den Nordischen Filmtagen Vorstellung des ‘Kirchlichen Filmpreises’ beim Geistlichen Ministerium am 9.9.2009, 11:30, Kirchenkanzlei Lübeck, durch Antje Peters-Hirt I. Die Bedeutung der kirchlichen Filmarbeit nach 1945 Die Kirchen in Deutschland haben schon früh den Aufbau eines Filmwesens in Deutschland unter-stützt und mitgeprägt; etwas, was die Gewerkschaften z.B. versäumt haben. Insbesondere die Evangelische Kirche hat sich mit ihrer Filmarbeit einen großen Respekt und Einfluss in vielen kulturellen und politischen Gremien geschaffen. Wir brauchen nur etwa an das ‘Gemein-schaftswerk der Evangelischen Publizistik’ in Frankfurt a/M (www.gep.de) zu denken, um deren ge-sellschaftspolitische und kulturelle Bedeutung für Kirche und Öffentlichkeit einschätzen zu können. Das Gemeinschaftswerk gibt an die zehn Periodika heraus wie z. B. ‘chrismon’, ‘epd Film’, ‘epd Me-dien’ und ‘Zeitzeichen’. Das Filmkulturelle Zentrum im Gemeinschaftswerk bündelt die Informationen und Kompetenzen der evangelischen Filmarbeit und unterstützt damit die Kulturbeauftragte des Rates der EKD. Neben den Printmedien spielt die Evangelische Kirche auch im Vertrieb von Filmen eine Rolle. ‘Matthi-as-Film’ Berlin (www.matthias-film.de, vor über fünfzig Jahren gegründet) ist z. B. beim Vertrieb von Filmen, d. h. dem Erwerb und der Weitergabe von Rechten innerhalb der Evangelischen Kirche ein gesuchter Partner. Durch das vom Evangelischen Entwicklungs-dienst (EED) getragene Evangelische Zentrum für entwicklungspolitische Filmarbeit (EZEF) fördert die Kirche Produktion und Verbreitung von Filmen zur Nord-Süd-Zusammenarbeit. (www.ezef.de) Als besonders wichtig haben sich traditionell die Filmtagungen erwiesen. Diese unersetzliche kirchli-che Bildungsarbeit widmet sich seit Jahrzehnten dem Medium Film und wirkt so weit in die Kirche hinein und darüber hinaus. Ich möchte hier im Zusammenhang mit den Filmtagungen Evangelischer Akademien nur die ‘Arnoldshainer Filmgespräche’ und die gleichnamige Buchreihe erwähnen. Auch die Jury der Evangelischen Filmarbeit, die regelmässig über den ‘Film des Monats’ entscheidet (www.filmdesmonats.de), hat sich überaus bewährt und wird von einer breiten, interessierten Öffent-lichkeit rezipiert. Hier wird jeden Monat ein – im Sinne des Evangeliums – bedeutender Film aus der aktuellen Produktionspalette von einem Gremium ausgesucht und mit einem informativen Kurztext versehen. Diese Empfehlung findet ihren Weg in alle Presseverteiler dieser Nation und wird, ähnlich wie die Bestenliste in Sachen Literatur, überall abgedruckt. II. Kirchliche Filmpreise bei Festivals
1. Gründung von INTERFILM Der Kirchliche Filmpreis ist eng verknüpft mit INTERFILM, dem internationalen Netzwerk kirchlicher Filmarbeit. INTERFILM wurde 1955 auf Initiative von Vertretern protestantischer Filmarbeit Deutsch-lands, Frankreichs, der Niederlande und der Schweiz gegründet. Die erste INTERFILM-Jury trat 1963 bei der Berlinale zusammen, wo sie den Otto-Dibelius-Filmpreis der Ev. Kirche Berlin/Brandenburg vergab; 1963 war eine INTERFILM-Jury auch erstmals beim IFF Mannheim und 1964 in Oberhausen und 1969 in Cannes vertreten. 2. Ziele INTERFILM arbeitet mit Institutionen und Personen der Kirche und der Kultur im Bereich Film zu-sammen. Das Netzwerk organisiert Seminare und Forschungsprojekte zum Verhältnis von Film, Theo-logie und Kirche. Der Austausch von Informationen und Dokumentationen über Film und Kino wird gefördert. INTERFILM engagiert sich, insbesondere auf internationalen Festivals und im Rahmen von Tagungen, für ökumenische Zusammenarbeit und interreligiösen Dialog. 3. Preis Die Präsenz auf Filmfestivals durch eine eigene kirchliche Jury gehört zu den zentralen Aufgaben von INTERFILM. Die – in der Regel ökumenischen – Jurys verleihen einen Preis – und eventuelle ‘Lobende Erwähnungen’ – an Filme, ‘die sich durch künstlerische Qualität auszeichnen, die eine dem Evangeli-um entsprechende menschliche Haltung und Aussage zum Ausdruck bringen und zur Auseinanderset-zung damit anregen und den Zuschauer für spirituelle, gesellschaftliche und soziale Fragen und Werte sensibilisieren’. III. Die Nordischen Filmtage und der Kirchliche Filmpreis
1. Nordische Filmtage Lübeck (NFL) Die Nordischen Filmtage gibt es seit 1956 als eine beispielhafte Bürgeraktivität. Den 50. Geburtstag haben wir im letzten Jahr gefeiert. Die NFL bemühen sich seit 50 Jahren erfolgreich nicht nur das Medium Film qualitativ hochstehend erfahrbar zu machen, sondern insbesondere – und das ist ein Alleinstellungsmerkmal – die skandinavischen Länder und ihre Filme in allen Gattungen und Genres in Lübeck zu präsentieren. Es werden also Filme aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Island und sogar aus Grönland und den Faröern gezeigt. Vor fast 20 Jahren gesellten sich mit der neuen Verbindung zum Osten die Baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland dazu. Außerdem gibt es seit über 20 Jahren das ‘Filmforum Schleswig-Holstein’, das sein Augenmerk auf die Produktionen unseres eigenen nördlichsten Bundeslandes lenkt. Es werden neben Spielfilmen insbesondere Kurzfilme, Dokumentarfilme und ‘Kinder- und Jugendfilme’ aus allen Sparten gezeigt sowie thematische Retrospektiven und Werkschauen zu Regisseuren. Begleitet werden die national und international immer erfolgreicheren NFL von einem ausführlichen Programmheft, anderen Publikationen sowie Ausstellungen, Diskussionen, Film-Talks, diversen Emp-fängen und Festen sowie einer thematisch passenden ‘Petri-Vision’. Es handelt sich um das größte Kulturereignis in Lübeck. Über 20.000 Gäste und fast 200 Journalisten, darunter traditionell viele Regisseure, Drehbuchschreiber und Schauspieler finden sich zu den NFL in Lübeck ein. Die NFL haben auch wirtschaftlich eine große Bedeutung für die Stadt. Die Bedeutung schlägt sich in der regionalen, nationalen und internationalen Berichterstattung nieder. 2. Kirchlicher Filmpreis Seit 1996 gibt es eine internationale INTERFILM-Jury bei den NFL, die den mit € 2.500 vom (frühe-ren) Kirchenkreis Lübeck gestifteten Filmpreis auswählt. Mitte der neunziger Jahre ist bei INTERFILM unter dem damaligen Präsidenten Hans Werner Dan-nowski, Stadtsuperintendent in Hannover und Filmbeauftragter der EKD, das Bedürfnis gewachsen, den Kontakt mit der kirchlichen Filmarbeit in den nordischen Ländern zu beleben. In diesem Zusam-menhang suchte INTERFILM den Kontakt zu den Nordischen Filmtagen und zur damaligen Evangeli-schen Akademie Bad Segeberg, die eine intensive Zusammenarbeit mit den Akademien in den nordi-schen Ländern pflegte. Die Kontakte fielen auf fruchtbaren Boden und führten einerseits 1996 zur Einrichtung einer kirchlichen INTERFILM-Jury an den Nordischen Filmtagen und andererseits im Janu-ar 1997 zur Durchführung eines Filmseminars in Bad Segeberg unter dem Motto ‘Faces of Europe – Giving a Face to Europe’. Am Seminar waren neben Linde Fröhlich und Hauke Lange-Fuchs von der künstlerischen Leitung der Filmtage auch zahlreiche engagierte Personen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Lettland dabei. Ein weiteres ähnliches Seminar fand zwei Jahre später auch in Riga und ein Jahr darauf in Örebro (Schweden) statt und führten zur Verstärkung des kirchlichen Film-netzwerkes. Seit 2004 gibt es in Riga auch eine INTERFILM-Jury am Film Festival Arsenals und die Schwedische und die Dänische Kirche richten einen eigenen kirchlichen Filmpreis aus. Die Jury trifft traditionell am Vorabend des Festivals zusammen und startet die Sichtung. Die Diskus-sionen über die Filme erfolgen zwischen den Vorführungen. Die Begründung(en) werden am Tag der Preisverleihung bis 12 Uhr formuliert und abgegeben. Die Preisverleihung erfolgt am gleichen Abend mit den anderen Preisen (sechs) zusammen. Der Kirchliche Filmpreis hat sich ein gewisses Renom-mee erarbeitet und ist zu einer Selbstverständlichkeit in Lübeck geworden, die keiner mehr missen will. IV. Die Bedeutung des Kirchlichen Filmpreises für Lübeck
Der Kirchliche Filmpreis ist ein wichtiger Preis für die NFL und Lübeck, denn seine Verleihung eignet sich besonders für die traditionell tiefschürfenden und existentiellen skandinavischen Filme; ähnliches gilt für das Baltikum. Die Jury ist die einzige wirklich internationale Jury in Lübeck. Die Kontakte zu den Kirchen in Skandi-navien und im Baltikum sind nicht zu unterschätzen und für beide Seiten bedeutsam. So hat wie oben ausgeführt, die Initiative zur Einrichtung der Jury in Lübeck u.a. geholfen, neue Kontakte in den Nor-dischen und Baltischen Ländern zu knüpfen und filmkulturell engagierte Personen und Einrichtungen aus dem kirchlichen Raum zu weiteren Initiativen zu ermutigen. Vertreter kirchlicher Filmarbeit in den Nordischen Ländern und des Baltikums nehmen seither immer wieder auch an Jurys anderer Festivals teil. Gerade erst diesen Sommer 2009 organisierte INTERFILM gemeinsam mit der Schwedischen Kir-che ein Seminar auf Gotland, wo der dänische Pfarrer Jes Nysten und der italienische Waldenserpfar-rer Peter Ciaccio zur Rezeption von Ingmar Bergman aufschlussreiche Vorträge hielten. Die Evangelische Kirche braucht die Öffentlichkeit, das ist ein Gemeinplatz, aber er ist gleichwohl rich-tig! Wo lässt sich in Lübeck eine größere Öffentlichkeit finden als in den ersten Novembertagen bei den NFL? Hier nimmt Kirche teil, ist Teil des Ganzen und präsentiert sich damit zugleich. Lübeck wirkt eben nicht nur durch seine Kirchtürme! Vielmehr zeigt die Kirche sich bei den NFL und durch die Kirchenjury und ihre Tätigkeit präzise inhaltlich, auf der Höhe der Zeit und ihrer Diskussio-nen und veranschaulicht insbesondere ihre Werte und Überzeugungen den Lübeckern und ihren Gäs-ten. Nicht zuletzt könnte die Evangelische Kirche in Lübeck und darüber hinaus für die kirchliche Bildungs-arbeit vor Ort mit dem ‘Pfund’ NFL mehr wuchern; wiewohl ich weiß, dass die Pastoren und ihre Mit-arbeiter im November besonders gefordert sind. Weiterführende Links: www.filmdesmonats.de www.ezef.de www.inter-film.org www.matthias-film.de
8. September 2009
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